Pressestimmen - PISAGEN

Heilbronner Stimme, 2. Dezember 2008:

Keine Chance ohne Powerpoint

Die Gauwahnen und ihr neues Programm "Pisagen" in der Ebene 3

Es geht offenbar abwärts in diesem unserem Lande. Genmanipuliertes Essen, lobbymanipulierte Politiker und Kinder, die Kühe als lila und Strom als gelb beschreiben, wenn sie gefragt werden.
Düstere Zeiten stehen uns bevor, nicht erst seit der Pisa-Studie, die uns einen üblen Zustandsbericht über die Lage der Nation bescherte. Die Gauwahnen steuern mit ihrem neuen Programm "Pisagen" dagegen, ein wenig zumindest und mit viel eigener Lehrererfahrung.
Dass hier fünf Pädagogen auf der Bühne der Ebene 3 stehen, ist nicht zu überhören. Die Gruppe um Erhard Jöst, die eben erst ihr 20-jähriges Jubiläum feierte, macht Kabarett nicht leicht aus dem Bauch heraus sondern - wen wundert's - eher ein wenig dozierend und mit vielen Ambitionen.

Vielleicht zu vielen. Denn es gibt im Nummernprogramm kaum ein Thema, das ausgelassen wird, die Fünf nehmen sich alles vor, was ihnen aufstößt und machen ihrem Ärger kabarettistisch Luft. Da geht es um die Halbgötter in Weiß, den Pabst, um den Schlankheitswahn, um BSE, Klonkinder oder Gennahrung, Und natürlich um die Bildungspolitik, der man ja tagtäglich an vorderster Front ausgesetzt ist.
"Evaluationsfähig" muss man heute als Pädagoge sein, was nichts anderes heißt als bewertungsfähig, aber längst nicht so gut klingt. Und man sollte mit Windows und Powerpoint zurechtkommen, wenn man von den Kids noch einigermaßen ernst genommen werden möchte. Ob es das nächste Pisa-Ergebnis verbessert, bleibt noch abzuwarten. Es läuft flott und reibungslos, das neue Nummernprogramm der Gauwahnen, das durch nette Gesangseinlagen von Eva Läpple und Alexandra Müller unterbrochen wird.

Ein unterhaltsamer Rundumschlag gegen die da oben in Berlin oder in Heilbronn, die all das zu verantworten haben. Oder sind es vielleicht doch auch Computerspiele und Viva, die unsere Kinder zu Pisa-Versagern machen? Eine Nummer wäre das durchaus wert gewesen, rein evaluativ gesehen. (Uwe Deecke)

Trierischer Volksfreund, 10. März 2009:

Szenarien aus der schönen neuen Welt

Auf Einladung des Arbeitskreises Wissen und Kultur des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums (DBG) in Schweich gastierte dort die Heilbronner Kabarettgruppe "GAUwahnen" mit ihrem neuen Programm "Pisagen". Vor rund hundert Zuschauern nahm sie in frechen Liedern und scharfzüngigen, teils schwarzhumorigen Sketchen die moderne Welt zwischen Evaluation und Genmanipulation aufs Korn.

Wie kann ein Akademikerpaar ohne Karriereverlust Nachwuchs haben? Es kauft im virtuellen Katalog ein Retortenbaby mit niedrigstmöglichem Intelligenzquotienten. Denn dann übernimmt die Gesellschaft den zeitlichen und finanziellen Aufwand der Förderung, die es bei einem begabten Spross selbst tragen müsste. Mit reichlich schwarzem Humor spitzen Erhard Jöst, Alexandra Müller, Eva Schwind-Läpple, Niklas Albrecht und Ingo Kaiser in Sketchen wie diesem aktuelle gesellschaftliche Probleme zu Schöne-Neue-Welt-Szenarien zu, die vor nichts halt machen. Sie thematisieren Genmanipulation zur Hebung des IQ, Überwachung der Bürger durch Entwicklung von Horch-, Guck- und Schnüffelklonen, oder Gesundheitskontrolle durch Weitergabe von Nahrungsaufnahmedetails per Kehlkopfchip an ein Krankenkassen-Kompetenzzentrum.
Kern aller von den GAUwahnen-Mitgliedern in wechselnden Besetzungen dargebotenen satirisch bis grotesk überzeichneten Theaterszenen, Dialogen oder Chansons ist beißende Gesellschaftskritik. Darin bekommt die Politik als willfährige Dienerin des Großkapitals ebenso ihr Fett weg wie das katholische Priestertum als Hort zwischenmännlicher Beziehungen. Auch die Dekadenz westlichen Lebensstils zwischen Kochshows im Fernsehen, Fastfood-Konsum und Schlankheitswahn wird in unterhaltsamen Inszenierungen, zum Beispiel dem umgedichteten Knef-Chanson "Für mich wird's nur noch Dosen geben" aufbereitet. Besonders gut jedoch kommt in der Mensa des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums beim größtenteils aus Eltern und Kollegium der Schule bestehenden Publikum ein Sketch zum Bildungswesen an: Lehrer, die größte Probleme mit der Aussprache von "Evaluation" haben, zeigen in ihrer praktischen Übung dazu, einer "Didaktik der Interpretation eines Gedichts", dass der Begriff nicht nur Tücken in der Aussprache birgt. Mit aufgeblähtem pseudointellektuellem Geschwafel über inhaltlichen Nonsens nehmen die GAUwahnen zum Teil auch ihren eigenen Hintergrund auf die Schippe, vier von ihnen sind Lehrer.

Erhard Jöst, der die Gruppe 1988 gegründet hat, wurde in dieser Funktion wegen Verwendung eines Heine-Zitats und Personalratstätigkeit unter Mayer-Vorfelder zweimal strafversetzt und kritischer Publikationen wegen auf Verfassungstreue überprüft. Sein Kabarett indes ist preisgekrönt, 2005 wurde ihm der Kilianpreis für "herausragende Darstellerkunst" verliehen. Die äußert sich im DBG vor allem in schauspielerischen und parodistischen Leistungen bei denen Alexandra Müller und der in Schweich lebende Ingo Kaiser hervorstechen, aber auch in den größtenteils von Erhard Jöst und Eva Schwindt-Läpple gestalteten Gesangsdarbietungen, die von Allroundtalent Niklas Albrecht hervorragend am Flügel begleitet werden. (Anke Emmerling)